AuswahlAssessment Center (AC) bzw. Development Center (DC) sind in der Unternehmenspraxis beliebt, da sie über anforderungsnahe Übungen den Berufsalltag gut abbilden können und bei Bewerbern akzeptiert sind. Allerdings leiden ACn oft unter dem großen Problem der Subjektivität und somit Unreliabilität, das insbesondere bei ungenügend geschulten Beobachtern, ins Gewicht fällt. Die dann subjektiv verzerrten Urteile über die Bewerber sorgen dafür, dass ACn oft nur wenig prädiktiv valide, also wenig aussagekräftig hinsichtlich des Berufserfolgs dieser Kandidaten sind. Fatalerweise ist ein AC mit 400-2000 Euro pro Teilnehmer zugleich das mit Abstand kostenintensivste Verfahren. Diese Diskrepanz zwischen geringer prädiktiver Validität und hohen Kosten für ein AC kann nur verringert werden, wenn die Qualität eines ACs erhöht, dessen Vorhersagen also genauer werden. Erst dann lohnen sich finanzielle Ausgaben, und das Verfahren wird (eher) unternehmensintern akzeptiert. Zur Optimierung von ACs wird an der Humboldt-Universität bereits intensiv geforscht:

Zum einen wird mit dem sogenannten BACDi©-Projekt das Ziel verfolgt, Assessment (oder Development) Center im Hinblick auf ihre methodische Qualität standardisiert anhand von 67 wissenschaftlich fundierten Kriterien zu evaluieren (http://bacdi.blogspot.de/). Zudem wird ein Benchmark entwickelt, der es Organisationen erlaubt, ihre Ergebnisse mit denen anderer, ähnlicher Organisationen zu vergleichen. Unternehmen haben die Möglichkeit, die methodische Güte ihres Assessment Centers hinsichtlich der Schritte kostenfrei zu überprüfen (Zugangsdaten unter bacdi@lists.hu-berlin).

Zum anderen wurde als Antwort auf die beschriebenen methodischen Probleme auf dem Feld der Eignungsdiagnostik das Projekt „Slim AC“ ins Leben gerufen. Dieses Projekt folgt einem Trend zu sogenannten „slimmed-down“ (Dilchert & Ones, 2009[1]) ACs: eine verkürzte Form des AC bei möglichst nur wenig verringertem diagnostischen Wert (hier: prädiktive Validität). An der Humboldt-Universität wurde eine Simulationsumgebung entwickelt, mit welcher der SlimAC© Ansatz umgesetzt werden soll: Hierbei handelt es sich um eine verteilte, computerbasierte Arbeitsumgebung für drei Teilnehmer (eine Führungskraft und zwei Mitarbeiter). Die Führungskraft erhält hier die Aufgabe, die Ausführung einer kooperativen Aufgabe durch zwei (ihrer) Mitarbeiter zu überwachen und (aktiv) zu betreuen. Ihre Überwachung und Betreuung der Mitarbeiter bzw. deren Aufgabenausführung erfolgt räumlich getrennt u.a. über Audiokanäle und ein Video sowie über unterschiedliche Eingriffsmöglichkeiten, welche auf einem Bildschirm abgebildet sind, den die Führungskraft vor sich hat. Mit dieser Simulationsumgebung ist es möglich, konkretes und vielschichtiges Verhalten während der Teamarbeit von drei Teilnehmern objektiv, anhand von Logfiles, zu analysieren. Anschließend werden diese Leistungsdaten in Bezug zu anderen, subjektiven Daten (Persönlichkeit, Beobachtungsdaten aus anderen AC Übungen) gesetzt.

So folgt das Projekt „Slim AC“ getreu seines Namens dem beschriebenen Trend hin zu verkürzten ACs bzw. DCs, welche sich anstelle der üblichen Vielzahl unterschiedlicher Dimensionen (üblich: um die 12 Dimensionen) nur auf einige wenige Dimensionen zur Vorhersage von Berufserfolg konzentrieren (Dilchert & Ones, 2009). Da konkrete Umsetzungsformen solcher verkürzten AC jedoch noch selten oder in der Praxis nicht einsetzbar sind, hat die entwickelte SlimAC© Simulationsumgebung einen Vorreiter-Status. Die mit der Simulationsumgebung ermöglichte verhaltensbasierte Erfassung von Leistung, aber auch Kompetenzen wie Problemlösefähigkeit, Emotionale Stabilität, Kommunikationsfähigkeit und Einflussnahme erlaubt außerdem eine Verbesserung gegenüber klassischen, subjektiven ACn. In Studien mit dieser Simulationsumgebung (von Bernstorff & Nachtwei, eingereicht[2]; Liebenow, von Bernstorff & Nachtwei, in Vorbereitung[3]) konnten wir bereits Effekte dieser Merkmale auf die Leistung bzw. das Verhalten von Führungskräften finden.

Das Projekt bzw. die Simulationsumgebung „Slim AC“ wird in Berlin auf der „Business meets Science“-Konferenz in Berlin vorgestellt und der Einsatz für die Praxis diskutiert.



[1] Dilchert, S., & Ones, D. S. (2009). Assessment center dimensions: Individual differences correlates and meta-analytic incremental validity.
International Journal of Selection and Assessment, 17 , 254-270.

[2] Von Bernstorff & Nachtwei, J. (eingereicht). Between keyhole and clutter effect – A multi-level evaluation of interface extensions using the ATEO master display (AMD).

[3] Liebenow, D., von Bernstorff, J. & Nachtwei, J.(in Vorbereitung). Der Gandhi-Faktor? Verträglichkeit und emotionale Stabilität als Prädiktoren von Führungsverhalten in kritischen Situationen.

 

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Charlotte von Bernstorff, Humboldt-Universität zu Berlin

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One thought on “Assessment Center auf Diät – der Trend zum „Slim AC“

  1. Ich bin ganz und gar damit einverstanden, dass Assessment Center ihre Tücken haben. Allerdings, wenn es in Form von Einzel-Assessment gestaltet wird, sieht die Sache anders. Ich bin im Einzel-Assessment tätig und kann versichern, dass es damit auf einer persönlicheren und verlässlicheren Ebene durchgeführt wird.

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