HiResLaut einer neuen Studie von Mercer und der Technischen Universität München (http://www.presseportal.de/meldung/2414492) sind „86 Prozent der Führungskräfte in Deutschland […] durch die ständige Erreichbarkeit über ihre Smartphones zumindest zeitweise höherem Stress ausgesetzt, 35 Prozent spüren diese Mehrbelastung sogar häufig oder jederzeit. Nur zwei Prozent sind nach Feierabend für Kollegen oder Geschäftspartner nicht zu erreichen und lesen auch keine arbeitsrelevanten E-Mails. Selbst im Urlaub ist mit 84 Prozent ein Großteil der Führungskräfte geschäftlich erreichbar.“

Da drängt sich die Frage auf: Wer bedient wen? Ich mein Smartphone oder mein Smartphone mich? Für mich ist die Antwort klar. Ich mein Smartphone, so wie es in der Bedienungsanleitung der Hersteller vorgegeben ist. Was sonst? Was die Hersteller uns in ihren Anleitungen allerdings nicht verraten ist, dass von diesem kleinen Ding eine magisch lähmende Kraft ausgehen kann, mit toxischen Anteilen, die den gesunden Menschenverstand zeitweise oder über längere Strecken aussetzen lassen. Dabei ist der gesunde Menschenverstand durchaus zur Selbststeuerung in der Lage. Wenn man bedenkt, dass in der Studie Führungskräfte befragt wurden, erlauben Sie mir diesbezüglich folgende Frage: Wie steuert eine Führungskraft ihre Mitarbeiter, wenn sie nicht dazu in der Lage ist, sich selbst zu steuern?

Wieso bin ich höherem Stress durch ein Gerät ausgesetzt, dessen Bedienung eine aktive Handlung von mir verlangt, bevor ich ein Gespräch annehme, SMS oder E-Mails lese? Mit dieser aktiven Handlung entscheide ich darüber, auf was ich mich einlasse. Und wenn ich mich einlasse, wieso ist das mit Stress verbunden? Dass Stress ein subjektiv erlebtes Gefühl ist, eine Reaktion auf einen wie auch immer gesetzten Reiz oder mehrere, ist keine neue Erkenntnis. Dass ein mir gegenüber sitzender Mensch Stressreize in mir auslösen kann, wenn er Macht über mich hat oder ich mich ihm unterwerfe, ist auch bekannt. Dass es Alpha- und Omegagebärden gibt, wissen wir auch. Das Alphatierchen herrscht über das Omegatierchen, ein Gesetz der Natur, das bei Mensch und Tier in ähnlichen Mustern vonstattengeht. Alphatiere machen Omegatieren Stress, nicht umgekehrt.

Wird das Smartphone als Alphatier erlebt? Wenn ja, wie kommt es, dass ein kleines Gerät Macht über mich ausübt? Die Standby-Funktion erwacht durch Klingeln, Tönen, Piepsen, lauter oder leiser. Das ist wohl wahr. Je nach Einstellung der Funktionen am Gerät sehe ich auf einen Blick, wer was von mir will. Und kann reagieren oder nicht. Ich kann meine Mailbox einschalten – was interessanterweise längst nicht alle Führungskräfte tun und sich somit mehr als nötig stören lassen. Wer die Vorteile der Technik nutzt, die Technik als solche begreift und nicht auf Phänomene reagiert („Mein Chef könnte sauer sein, wenn er mich in dieser Minute nicht erreicht.“ Oder: „Der Kunde könnte sich abwenden, wenn ich nicht sofort den Anruf entgegennehme.“), dürfte keinen Stress damit haben. Von daher kann man durchaus auch abends erreichbar sein. Voraussetzung: Man ist aktiv und nicht passiv erreichbar. Aktive Erreichbarkeit ist dann gegeben, wenn ich selbststeuernd entscheide, wie ich mit dem Klingeln umgehe: abnehmen oder erst einmal die Mailbox arbeiten lassen.

Wenn 84 Prozent der Führungskräfte im Urlaub geschäftlich erreichbar sind, so ist das noch kein Indiz für Stress. Früher, als es solche Quälgeister wie Handys noch nicht gab, haben sich Führungskräfte im Urlaub auf andere Art und Weise Stress verschafft. Ja, Sie haben richtig gelesen: „verschafft“, nicht zugelassen. Ich hörte sie in Hotelhallen, beim Essen, auf Wanderungen … über nichts weiter erzählen als ihre Wichtigkeit in ihrem Beruf, ihren Ärger beim Autokauf oder beim Hausbau. Das habe ich damals als Homemade-Stress eingeordnet. Wo war da der Urlaub, der Abstand vom Alltag? Oder war es, bei ehrlicher Betrachtung, für die meisten doch ein wunderbares Gefühl, unersetzlich zu sein? Heute haben diese Themen kaum nachgelassen und werden durch Technik gepusht. Was zählt man schon am Urlaubsort, wenn niemand aus der Firma etwas von einem will? Merkwürdig, ich habe auch einen interessanten Beruf, als Berater viele Mandanten, als Chef meine Firma, zudem viel Arbeit, die für mehr als 10 Stunden am Tag reicht. Aber ich schaffe es, von Freiburg nach Berlin mit der Bahn zu fahren, ohne mich über mein Smartphone als unersetzlicher Manager in Szene zu setzen. Ich schaffe es auch, im Urlaub auf dem Fahrrad zu sitzen, zu wandern oder Boot zu fahren, ohne mich von meinem Smartphone beherrschen zu lassen. Es ist eine Frage der Organisation und mehr noch eine Frage der inneren Koordination. Ich habe keinen Stress, zumindest keinen, der mich unglücklich macht. Ich gehöre zu den Menschen, die freiwillig sind, was sie sind. Und was kann schon stressen, was ich selbstbestimmend will?

VN:F [1.9.22_1171]
Bewertung: 8.7/10 (3 Bewertungen)
VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 0 (from 0 Bewertungen)
Das Smartphone als Seelenfessel – die freiwillige Entmündigung durch Technik, 8.7 out of 10 based on 3 ratings
The following two tabs change content below.
Dr. Wolfgang Saaman, SAAMAN AG

Dr. Wolfgang Saaman, SAAMAN AG

Vorstand bei SAAMAN AG,
Dr. Wolfgang Saaman, SAAMAN AG

Neueste Artikel von Dr. Wolfgang Saaman, SAAMAN AG (alle ansehen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.