SchachfigurenEs gibt Denkmodelle, welche die Personalarbeit weitestgehend in die Verantwortung der Mitarbeiter geben, also die Auflösung der Personalabteilung propagieren. Sind hier visionäre Vordenker am Werk, die revolutionäre Zukunftsmodelle entwickeln oder Spinner, die auf Effekthascherei aus sind und von denen wir morgen nichts mehr hören?

Structure follows strategy – für die meisten Organisationen ist die Unternehmensstrategie eine der wichtigsten Einflussgrößen auf ihre Organisation. Auch das Personalwesen führt nicht die Organisation, sondern folgt der Geschäftsstruktur. Die Entstehungsgeschichte von Personalabteilungen westlicher Länder geht auf eine Zeit zurück, in der die Wirtschaft zum Großteil aus verarbeitender Industrie bestand. Das reflektiert u.a. auch das HR Business-Partner Modell von Prof. Dave Ulrich.

Gilt diese Strategie auch zukünftig, in unserer globalen, schnelllebigen und vom Internet geprägten Denkgesellschaft, in der Waren und Dienstleistungen jederzeit auf Knopfdruck zur Verfügung stehen? Ist unsere derzeitige und zukünftige Gesellschaft überhaupt vergleichbar mit irgendeiner Art des Zusammenlebens vorheriger Generationen? Ich denke, nein. Daher sollte der visionäre Blick auf zukünftige Organisationen ohne Personalabteilungen zumindest erlaubt sein.

Es gibt bereits einige Unternehmen, die sich z.B. von historischen Ritualen wie der jährlichen Leistungsbeurteilung verabschiedet haben und auf die Macht von Beziehungen unter Gleichgestellten setzen. Unternehmen, die mit einem hohen Autonomiegrad der Mitarbeiter innovative, konkurrenzfähige (konkurrenzlose?) Produkte generieren. Kein einfacher Weg, denn vor der Abschaffung von HR muss die Selbst-Organisation hierzu befähigt werden. Jeder Mitarbeiter muss darauf vorbereitet werden, sich in die strategische Planung und Geschäftsentwicklung einzubringen und eigenverantwortlich, bzw. im Team, Widerstände in der Wertschöpfungskette aus dem Weg zu räumen. Die intrinsische Motivation ist der Treiber dieser neuen Arbeitsstrukturen.

Für HR könnte es eine große Aufgabe sein, diese Veränderungsprozesse zu begleiten, zu steuern und voran zu treiben. Führung wird zu einer Kompetenz, die auf viele Köpfe verteilt wird. Mitarbeiter übernehmen Führungs- und Personalfunktionen. Indianer werden zu Häuptlingen, Häuptlinge werden zu Indianern. Wechselnde Rollen erfordern eine andere Art der Kommunikation, ein anderes Sozialverhalten. Die Kultur des Zusammenlebens bestimmt den Wohlstand der Zukunft sowie die Gesunderhaltung der Wirtschaft. Teamarbeit, in der Rollen und Hierarchien wechseln, Fehler und Befindlichkeiten offen (sogar normiert) kommuniziert werden und Teams dezentral und virtuell zusammenarbeiten dominieren die Arbeitswelt der Zukunft. Die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen wird zur wichtigsten Quelle der Wertschöpfung.

Hirngespinste?

Wir diskutieren dieses Thema ausführlich auf unserer Veranstaltungsreihe „Business meets Science – HR-Trends der Zukunft“ am 14.05.2013 in Pforzheim und 26.06.2013 in Berlin. Informationen unter: www.hs-pforzheim.de/businessmeetsscience

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4 thoughts on “Eine Organisation ohne Personalabteilung?

  1. Sehr geehrter Herr Witt,

    Ein toller Artikel, der einem zum Nachdenken anregt! Vieles kann man sich am Anfang wahrscheinlich nicht vorstellen. Allerdings ist es in paar Jahre später ganz normal.

    Dies ist in vielen Bereichen schon passiert und wird in Zukunft auch immer öfter passieren und vor allem schneller.

    Ein Unternehmen ohne Personalabteilung wird es in Zukunft denke ich immer öfter geben. Da ein Dienstleister dies schneller und professioneller erledigen kann.

    Ob das momentan in den Gedanken der Personalchefs gut ankommt, ist natürlich eine andere Frage. Aber aufhalten wird man es nicht können.

    So geht es mir auch jeden Tag in meinem Bereich. Sich zu wehren macht keinen Sinn. Sondern vielmehr zu überlegen, was wäre dies für ein Vorteil und was hätten wir langfristig davon!

    MFG
    Rüdiger Schmiedt

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  2. Mit Dr. Gerhard Wohland konnten wir für dieses Thema für den 14. Mai in Pforzheim einen Referenten gewinnen, der Höchstleister beobachtet und wissenschaftlich auswertet. Er analysiert, warum diese Unternehmen so erfolgreich sind. Höchstleister sind Unternehmen, die in dynamischer Umgebung den Marktdruck erzeugen unter dem die anderen leiden. Höchstleister sind so erfolgreich, dass sie den Markt beherrschen und ihre Wettbewerber weit hinter sich lassen.

    Dr. Wohland moderiert das Thema „Vom Wissen zum Können – Talentförderung bei Höchstleistern“. Jedes Unternehmen hat Talente, aber nicht jeder die gleichen. Dem Talent fällt etwas leicht, was anderen schwer fällt. Höchstleister machen ihre Talente sichtbar, indem sie Probleme zeigen und damit ihre Motivation provozieren. Einmal sichtbar, entwickelt sich das Talent durch Üben zum Könner. Talentmotivierte Könner sind die Basis moderner dynamikrobuster Höchstleister. Diese Unternehmen leiden nicht unter der modernen Dynamik, sondern sie nehmen sie in Gebrauch. Erstaunlicherweise (oder vielleicht doch nicht so überraschend) haben etliche dieser Höchstleistern in ihrer Organisationsstruktur keine Personalabteilung.

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  3. Fakt ist, dass HR-Mitarbeiter oft Talente vergraulen. Da werden irrelevante Zeugnisse aus dem Grundstudium angefordert oder trotz eines deutlich überdurchschnittlichen Abschlusses (Jura) und hervorragender Stationen, Absagen wegen einem schlechten Abischnitt vergeben. Auch diese (Fremdanbieter-) Portale wie Taleo rauben einem den letzten Nerv! Wozu lädt man einen Lebenslauf hoch, wenn man auf der nächsten Seite gleich wieder die Daten der Abschlüsse etc. pp. eingeben muss? Die gewollte Unpersönlichkeit des ganzen Verfahrens wird dann abschließend noch auf die Spitze getrieben, indem man den Inhalt seines (vorformulierten und entsprechend gegliederten und formatierten) Anschreibens OHNE Formatierung in ein kleines Fenster kopieren soll.
    Auf Empfängerseite: Bequemlichkeit und kaum Ahnung von den fachlichen Anforderungen an die zu besetzende Position.

    http://app.wiwo.de/erfolg/unternehmensfuehrung/hr-abteilungen-personaler-vergraulen-fachkraefte/10736052.html

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