Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) führt einen Grundgedanken fort, der bereits in unserer Verfassung verankert ist. Niemand soll bevorzugt oder benachteiligt werden, jeder soll die gleichen Chancen haben. Das AGG verfolgt diese Ziele durch Sanktionen. Wer diskriminiert wurde, darf Schadensersatz und Schmerzensgeld verlangen. Dennoch: Die Diskriminierung ist bereits geschehen und wird nicht ungeschehen, indem Geld fließt.

In diese Lücke stößt das anonyme Bewerbungsverfahren. Jeder Hinweis auf ein mögliches Diskriminierungsmerkmal wie Alter, Geschlecht oder ethnische Herkunft sollen nicht zur Kenntnis gelangen, nur die reinen Qualifikationsmerkmale sollen den Ausschlag geben. Eine Diskriminierung bei der Stellenbesetzung soll so verhindert werden.

Die Qualifikation und nicht die persönlichen Vorurteile und Vorlieben des Einstellenden entscheiden zu lassen, klingt gut. Leider klingt die Idee besser als sie ist. Auch ein Arbeitsvertrag ist ein Vertrag und einem Vertragsschließenden muss es möglich sein, sich seinen Vertragspartner auszusuchen. Private Arbeitgeber sind nicht der Staat, der jedem (nur Deutschen!) den gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern gewähren muss. Vor allem für kleine und mittelgroße Unternehmen ist der persönliche Eindruck und – auch wenn es hart klingt – die persönliche Vorliebe, entscheidend und darf das auch sein.

Abgesehen von der Vertragsfreiheit: Wie sollen Bewerber mit krummen Lebensläufen noch überzeugen, wenn nicht durch die Persönlichkeit. Wie soll eine schlechte Note in einem Abschlussexamen im Bewerbungsverfahren ausgeglichen werden können, wenn nicht durch eine ausführliche Selbstpräsentation. Das reine Abstellen auf Qualifikationsmerkmale lässt das eigentlich Entscheidende im Arbeitsverhältnis außer Betracht. Engagement für die Arbeit und die zwischenmenschliche Chemie ließen sich noch nie in reinen Qualifikationsnoten zu Papier bringen. Nicht jeder hat den glatten Lebenslauf: Schule, eventuell Ausbildung, Studium, Praktika, guter bis sehr guter Abschluss.

Hier soll nicht der Diskriminierung das Wort geredet werden. Aber das anonyme Bewerbungsverfahren ist der falsche Weg.

VN:F [1.9.22_1171]
Bewertung: 9.1/10 (10 Bewertungen)
VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 0 (from 0 Bewertungen)
Anonyme Bewerbungsverfahren - Eine Gegenrede, 9.1 out of 10 based on 10 ratings
The following two tabs change content below.

6 thoughts on “Anonyme Bewerbungsverfahren – Eine Gegenrede

  1. Und stand in der Auswertung des Pilot-Projektes nicht interessanterweise, dass die sonst vermeintlich Diskriminierten zu mehr Bewerbungsgesprächen kamen als die Nicht-Anonymen? Spätestens dann schlagen doch wieder die persönlichen Vorlieben des Einstellenden durch. Und dem Bewerber ist nicht geholfen, er hat nur falsche Hoffnung bekommen und mehr Aufwand getrieben.

    VA:F [1.9.22_1171]
    Rating: 0.0/5 (0 Bewertungen cast)
    VA:F [1.9.22_1171]
    Rating: 0 (from 0 Bewertungen)
  2. Gleichzeitig habe ich heute einen interessanten Artikel gelesen: „Bewerben per Webcam spart Zeit und Geld“. Otto macht die Bewerbervorauswahl mittlerweile per Webcam (http://www.welt.de/regionales/hamburg/article106412277/Bewerben-per-Webcam-spart-Zeit-und-Geld.html) . Da helfen dann die anonymen Bewerbungen auch nichts mehr …

    VA:F [1.9.22_1171]
    Rating: 0.0/5 (0 Bewertungen cast)
    VA:F [1.9.22_1171]
    Rating: 0 (from 0 Bewertungen)
  3. Die Bewerbung per Webcam hätte wenigstens den Vorteil, dass sich der Arbeitgeber nicht vorwerfen lassen muss, er hätte bestimmten Bewerbern keine Chance gegeben. So gesehen laufen die Bemühungen, AGG-Klagen zu vermeiden und die Webcam-Bewerbung Hand in Hand.

    Tendenziell in diese Richtung geht ja auch die komplette Rechtsprechung seit Erlass des AGG, zuletzt gegipfelt im Urteil des EuGH, das das Schweigen des stellenausschreibenden Unternehmens als Diskrimierungsindiz werten möchte. Um solchen „Diskriminierungsfallen“ zu entkommen, bleibt womöglich nur, wahre „Kettenvorstellungsgespräche“ durchzuführen. Jeder hat – offiziell – seine Chance bekommen. Wenn auch nur per Webcam.

    Dass dann ohnehin wieder die persönliche Vorliebe entscheidet, hat UK ja bereits richtig festgestellt – wenn die Entscheidung nicht schon von vornherein feststand und alle Gespräche nicht ohnehin eine Farce waren.

    VA:F [1.9.22_1171]
    Rating: 5.0/5 (1 Bewertung cast)
    VA:F [1.9.22_1171]
    Rating: 0 (from 0 Bewertungen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.