Stempel Burnout 3„Burnout“ ist heute in aller Munde. Ein Leitartikel scheint den nächsten zu jagen und mehr und mehr Experten äußern sich in unterschiedlichen Formaten zu diesem Thema, oft ergänzt um sehr bewegende Fallberichte von Betroffenen. Dieses Ausmaß an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit für eine „Krankheit“ zieht auch für Personalverantwortliche in Unternehmen erhebliche Konsequenzen nach sich.

Bewerten kann man dieses Phänomen unter verschiedenen Perspektiven: Zum einen ist es aus therapeutischer Sicht sehr zu begrüßen, dass psychische Beschwerden bzw. psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit anerkannt werden und die Betroffenen dadurch nicht dem zusätzlichen Leid der Stigmatisierung ausgesetzt sind, sondern frühzeitig angemessene Unterstützung erhalten (vgl. den Beitrag von Florian Schoof, 12.04.2012). Zum anderen lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht die Frage aufwerfen, inwieweit es sich um eine „Modediagnose“ handelt, wie von Kaschka, Korczak & Broich im Deutschen Ärzteblatt 2011 postuliert wurde.

Unter letzterer Perspektive erforschen primär die Disziplinen der Medizin und Psychologie das Thema Burnout. Der Begriff Burnout wurde in den 1970er Jahren von dem Psychoanalytiker Herbert Freudenberger und der Sozialpsychologin Christina Maslach zur Beschreibung eines Phänomens geprägt, das bei Personen in sozialen Berufen auftrat. Klinische Beobachtungen zeigten, dass diese Personen starken Belastungen durch die Interaktion mit Patienten und Klienten ausgesetzt waren. Diese Belastungen manifestierten sich entlang dreier Dimensionen: (Emotionale) Erschöpfung, Zynismus/Entfremdung und dem Gefühl von persönlicher Unwirksamkeit.

Von Beginn dieser Forschungen an wurde Kritik an dem Konzept geübt, da seine Entdeckung nicht theoriegeleitet, sondern aus dem Erleben der Betroffenen entstand. Die seit dieser Zeit unternommenen Forschungsanstrengungen, erbrachten eine Vielzahl an unterschiedlichen Befunden, z.B. im Hinblick auf Einflussfaktoren, Entwicklungsstadien und Outcomes. Etablieren konnte sich die Erkenntnis, dass das Syndrom Burnout ein mehrdimensionales Konstrukt ist, das nicht nur im Humandienstleistungsbereich auftritt und sowohl von individuellen als auch von arbeitsplatzbezogenen Faktoren beeinflusst wird. Darüber hinaus besteht jedoch auch noch eine Vielzahl an offenen Fragen. Unklar ist unter anderem weiterhin die Abgrenzung gegenüber anderen psychischen Krankheitsbildern, wie z.B. der Depression.

Ungeachtet dessen nahm die medizinische (Zusatz-)Diagnose „Burnout“ in den letzen Jahren kontinuierlich zu, sodass die Vermutung, es handele sich um eine von der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit stark beeinflusste Diagnose, nicht entkräftet werden kann. Für das Personalmanagement bleibt folglich zu beleuchten, inwieweit der aktuelle Forschungsstand zu einem bewussteren betrieblichen Umgang mit dieser Diagnose beitragen kann, um mögliche Effekte gesellschaftlicher Aufmerksamkeit zu relativieren, der „sozialen Ansteckung“ im Betrieb vorzubeugen und Führungskräfte in die Lage zu versetzen, berechtigte Warnsignale richtig zu deuten.

 

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Dr. Anja Schmitz, O&P Consult AG

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One thought on “Burnout – Überfällige Anerkennung psychischer Erkrankungen oder Psycho-Hype?

  1. Heute wurde auf n-tv ein interessanter Artikel zu dem Thema veröffentlicht:

    „Burnout gibt es gar nicht!
    Der Psychiater Manfred Lütz geht in seinem neuen Buch hart ins Gericht mit seinen Kollegen. Er ist der Meinung, dass es Burnout als Krankheit gar nicht gebe. Die Symptome mit denen Burnout beschrieben werden, wie Stress und Schlaflosigkeit seien ganz normale Dinge, die jeder mal hat. …“

    weiterlesen unter http://www.n-tv.de/wissen/Burnout-gibt-es-gar-nicht-article7229126.html

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